Mal normal sein

Dieser Tage reiben wir uns die Augen. Es ist, als ob im Fernsehen „Tutti Frutti“ plötzlich durch das „Wort zum Sonntag“ ausgetauscht worden wäre, statt Austern und Schampus gibt’s Brot und Butter und nach der wüsten Party in sturmfreier Bude kommen die Eltern zu früh nach Hause zurück: Schnapsleichen schnarchen noch auf dem Sofa, Bierpullen kullern über’s Parkett, es riecht nach Rauch und Alkohol und anderen unappetitlichen Exkrementen. Rums – Tür auf, Frischluft, Aufräumen. Hopp hopp hopp. Und alle, ja irgendwie sind alle erleichtert, aus dem Rausch aufzuwachen. Große Einigkeit in Italien. Jetzt geht’s in die Ausnüchterung. In den Entzug.

Mit Mario Monti, neuer Ministerpräsident Italiens: Glücklich verheiratet seit 40 Jahren, sonntags ist er in der Kirche und im Sommer in den Schweizer Bergen. Der Wintermantel ist aus grünem Loden, der Dienstwagen italienisch (Schluss mit den flotten, brandneuen Audis, auch für seine Minister) und den Eintritt für die Kunstausstellung bezahlt er selbst. Nüchtern, bescheiden, ehrlich. Soviel Normalität – ist das Italien?

Er ist Professor, Wirtschaftswissenschaftler mit internationaler Reputation, ex EU-Kommissar und Präsident der Mailänder Privatuni Bocconi. Er hat sich noch nie um Ämter beworben. Er wurde gebeten.

Sein Kabinett: alles Professoren mit erstklassigen Referenzen. Darunter drei Frauen, zuständig für Justiz, Innen und Soziales – keine Ressorts für Kinkerlitzchen. Kaum etwas hätte den Gezeitenwechsel in der italienischen Politik besser dokumentiert als ein gemeinsames Foto dieser drei gestandenen Frauen bei der Vereidigung neben dem Gruppenfoto, das bei gleicher Gelegenheit von den Ministerinnen des letzten Kabinetts Berlusconi geknipst wurde und alle Welt rätselte, warum diese jungen Damen eigentlich diese Jobs gekriegt haben. Wäre hübsch gewesen dieser Fotovergleich. Gibt’s aber nicht. Die drei neuen Ministerinnen posieren nicht.

Eine Regierung der Techniker wird diese Regierung nun genannt. Kein Mitglied hat eine Parteikarriere absolviert, alle sind schlicht Experten in ihren Ressorts. Aber würde jemand noch ernsthaft die Regierung Berlusconi als „politisch“ bezeichnen?

Das Parlament hat die Regierung Monti brav abgesegnet mit einer historisch überwältigenden Mehrheit, die kaum noch demokratisch zu nennen ist. Das Programm – man wird sehen. Aber allein ein normal auftretender Ministerpräsident mit fähigen Ministern – uff, das ist schon mal ein Grund, entspannt auszuatmen … aber kann Italien so einen aushalten?

Wer weiß. Als in Italien das Rauchverbot in Restaurants und Bars eingeführt wurde, rauchten von heute auf morgen die Italiener vor der Tür. Einfach so. Bei Regen und Wind und Kälte und plapperten einfach munter weiter. Kein Zickentanz alla tedesca. Doch die Flitterwochen mit Monti und Mannschaft werden schnell beendet sein, unkt Emma Bonino von den Radikalen. Die kennt den Professor persönlich aus ihrer Zeit im Europaparlament und tanzte sogar schon Tango mit ihm. Wie leidenschaftlich, das sei mal dahingestellt.

Eine Antwort zu „Mal normal sein“

  1. Burkhard

    Lasst euch einfach mal von Vernunft regieren, aber vergesst nicht, dass die Regierten auch zwischen den Wahlen und den Kabinettsbildungen eine Stimme haben. Das Problem sind eher nicht die Regierungen, sondern die gleichgültigen Regierten. Das ausgehende Jahr hat ja gezeigt, wie es anders geht.

    Antwort

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