Auftakt!

„Signora Sommer tanzt den Blues“ – hier die Vorschau im Katalog, ab 10. Juni 2020 im Buchhandel.

"Signora Sommer tanzt den Blues" - hier die Vorschau im Katalog, ab 10. Juni 2020 im Buchhandel.

„Signora Sommer tanzt den Blues“ – hier die Vorschau im Katalog, ab 10. Juni 2020 im Buchhandel.

Rennen wie Murakami

Ragazzi, ich schreibe und renne und schreibe und schlafe und schreibe und renne und schreibe – und suche Tai Chi-mässig mein Zentrum – und schreibe und renne und mein Tag-Nacht-Rhythmus ist mal wieder vollkommen im Keller.

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in memoria …

Anfang Januar, irgendwo im ligurischen Appenin, eine ziemlich kurvige halbe Stunde vom Meer entfernt: aus dem Tal über einen Pass mit spektakulärer Aussicht auf Mittelmeer und Seealpen. Das schmale Asphaltband  kräuselt sich waghalsig in scharfen Kurven und wo es endet, dort verkrümelt sich ein Dorf zwischen Wäldern und verwilderten Terrassenfeldern – Pentema.

Ungefähr zehn Menschen leben noch in den Häusern, die sich an den Hang rund um die Kirche drücken. Im Sommer kommen die Ehemaligen zurück in ihr romantisches Dorf, 500 Menschen wuseln dann durch die engen Gassen. Aber ansonsten ist es still in Pentema. Ziemlich still. Was also tun?

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Voodoo – Tag 4

Die Mehrheit ist dahin, rette sich wer kann. Aber Berlusconi wäre nicht Berlusconi, wenn er schlicht zurücktreten würde. Am Morgen danach, also nach dem „demnächst-bin-ich-dann-vielleicht-mal-weg“, drehte Berlusconi eine Runde durch Radio und Fernsehen, in La Stampa konnte man bereits ein erstes Interview lesen. Weiterlesen

Ein Mann – ein Haus

Das ist die neue Hütte des italienischen Ministerpräsidenten. Nein, nicht am Roten Meer, wo er mit dem ehrenwerten Onkel seiner Herzensbrecherin Ruby in den Ruhestand schnorcheln könnte. Ach was, Ruhestand, Berlusconi ist Unternehmer, ein Mann der Tat und das hat er heute einmal mehr allen gezeigt – live, auf allen Kanälen, bei schönstem Wetter auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. Dort gibt es nämlich richtig was zu retten, und da lässt sich der von Skandalen und Prozessen gebeutelte Cavaliere nicht zweimal bitten. Vor Wochen schon hatte Minister Maroni vor diesem „Exodus“ gewarnt, vor der Flutwelle der afrikanischen Flüchtlinge, die über Italien hereinbrechen würde. Arabischer Frühling schön und gut, aber wer soll die alle durchfüttern? Nun sind sie tatsächlich gekommen und es werden noch mehr kommen und wie viele nicht angekommen, sondern auf der Überfahrt ertrunken sind, das will niemand wirklich wissen. Rund 5000 Flüchtlinge aus Nordafrika sind derzeit auf der winzigen Insel, Menschen für die es kaum Unterkünfte, Kleidung, Essen, sanitäre Anlagen gibt. Als ob sie plötzlich, wie ein Tsunami über Lampedusa hereingebrochen wären.

Viele Bewohner von Lampedusa sammeln Kleidung bringen Essen, das, was sie grade haben. Und Berlusconi? Der Papi mit dem großen Herzen für bedürftige Mädchen? Es werden Schiffe kommen, verspricht er, und die werden die Flüchtlinge abholen und in Zeltdörfer in ganz Italien verteilen – nicht in den Norden natürlich, denn das Klima nahe der Alpen bekommt den Afrikanern nicht, findet Umberto Bossi, Minister und Chef der Lega Nord. Und wenn sie alle weg sind, dann kommt das Militär und putzt die Insel. So wird’s gemacht, verspricht Berlusconi inmitten seiner Claqueure, innerhalb von ein oder zwei Tagen sei das Problem gelöst. Piazza pulita, tabula rasa mit den Flüchtlingen  – das glaubt ihr nicht? Na, wartet ab, welch lustige Überraschung sich der Regierungschef für seine Bürger von Lampedusa ausgedacht hat: Damit sie ihm vertrauen, muss er einer von ihnen werden. Wie bitte? Ganz einfach: Berlusconi hat sich gestern morgen kurzentschlossen ins Internet gehängt, eine Villa auf der Insel ausgegraben – und drei-zwei-eins-meins! – gekauft! Applaus brandet auf und da lacht er ausgelassen, der Silvio, dieser Schlawiner. Nun ist er einer von ihnen, ein echter Lampedusano. Ihre Probleme sind jetzt auch seine Probleme – ist das toll?

Über den Golfplatz und ein Casino, ja tatsächlich, ein Casino!, könnte man bei anderer Gelegenheit reden, versprach Silvio noch, vielleicht bei einer Partie Karten in seiner neuen  Villa „Due Palme“?  330 Quadratmeter, direkt am Strand mit Garten und lauschiger Terrasse, Kaufpreis unbekannt. Die eine und andere Million wird’s gekostet haben, Papi hat mal wieder große Spendierhosen angehabt. Nur nicht für die, die vor den Bomben seines Bunga-Bunga Freundes Ghedafi flüchteten, deren Not für ihn nicht mehr als die Kulisse für einen populistischen Auftritt ist. Tatsächlich wäre das Anwesen natürlich auch eine feine Notunterkunft. Im Zweifel für … naja, was die Ägypter geschafft haben, sollte in Italien nicht unmöglich sein.

„Vereinigen wir uns, lieben wir uns!“

„Brüder Italien’s, Italien hat sich erhoben“, singt heute ganz Italien und feiert die 150 Jahre junge Einheit des Staates nach Jahrhunderten der Zersplitterung und Fremdherrschaft. Den Text der Nationalhymne schrieb der patriotische Student Goffredo Mameli aus Genua. Die „Mameli“  wurde 1847 zur Hymne des Risorgimento, der aufständischen Bewegung zur Einigung Italiens. Ganz Italien singt und feiert am 17. März? Nein, nicht ganz Italien.

Schon während der Vorbereitung zum Fest kam bestenfalls gedämpfte Partystimmung auf. Die Lega Nord will sich nicht wirklich mitfreuen, denn was hat der Norden mit der Einheit Italiens am Hut, mit den armen Schluckern im Süden, mit den „Räubern aus Rom“? Gut einige Abgeordnete und Minister der Lega Nord sichern die Mehrheit der nationalen Regierung. Ohne ihre Stimmen, wohlgemerkt: einer Regionalpartei, könnte Berlusconi schlicht einpacken. Das hat natürlich einen Preis, mit denen sollte er es sich also besser nicht verscherzen. Während in Italien also grün-weiß-rote Flaggen vor Fenstern und Balkonen flatterten, schwenken im Norden viele Freunde der Lega die grüne Flagge von Padania, einem zukünftigen Kleinstaat am Flußlauf des Po. Zwar wurde auch im Regionalparlament der Lombardei eine Feierstunde zu 150 Jahren italienischer Einheit abgehalten, aber müssen sich der Vizepräsident der Region und seine Parteifreunde von der Lega die Nationalhymne wirklich antun und im Parlament mitträllern?

„Es vereinige uns eine einzige Flagge, eine Hoffnung: Auf dass wir verschmelzen, wofür die Stunde hat schon geschlagen“. nach derlei Gesang war den Herren, die stets mit grünem Tüchlein im Anzug auftreten, am Dienstag morgen offensichtlich nicht. So ganz und gar nicht. Sie verließen demonstrativ entspannt den Plenarsaal und stärkten sich in der Bar bei Capuccino und Brioche. Dabei stammten die meisten Freiheitskämpfer, die sich damals Garibaldi und der Bewegung der Einigung anschlossen vor allem aus … ja, woher wohl? Aus Norditalien. Und die „Mameli“, die später Nationalhymne wurde, war seit 1847 ihr Kampflied.

Daran erinnerte kürzlich Roberto Benigni als er den Italienern auf dem Schlagerfestival in San Remo bei maximalen Einschaltquoten eine fulminante Geschichtsstunde verpasste. Benigni rezitierte die „Mameli“ und erzählte den Italienern von ihrer Revolution. „Vereinigen wir uns, lieben wir uns. Die Einheit und die Liebe offenbaren den Völkern die Wege des Herrn“, so singt das Volk. Mit der Liebe sei es wie mit dem Tod, meinte Benigni: Entweder man ist tot oder nicht. Ein bisschen Tod gibt es nicht. Entweder man liebt. Oder eben nicht.

So sang Benigni zum Abschluss die Mameli.

 

avanti popolo!

Was mag eigentlich die italienische Umweltministerin zu der atomaren Katastrophe in Japan sagen? Schließlich hat die italienische Regierung erst 2009 den Wiedereinstieg in die Kernenergie beschlossen. Vier Akw sollen bis 2020 gebaut werden, obwohl 1987 ein Volksentscheid den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie besiegelte. Damals wurden drei Akw endgültig abgeschaltet, vier Baustellen geschlossen. Seitdem gibt es Italien keine Akw mehr. Nun der geplante Wiedereinstieg, ausgerechnet in Italien. In einem Land, wo vor zwei Jahren in L’Aquila Neubauten wie Kartenhäuser einstürzten, weil die Erdbebengefahr unterschätzt worden war. Wo noch nicht einmal der normale Müll halbwegs sortiert entsorgt und Giftmüll kostengünstig von der Mafia im Mittelmeer versenkt wird, dieses Land will also sichere Akw bauen und kontrollieren und den Müll auch irgendwie entsorgen. Irgendwie, obwohl bis heute niemand weiß, wohin mit dem strahlenden Dreckszeug und von Sicherheit, redet im Ernst noch irgendjemand von Sicherheit?

Was also hat Umweltministerin Stefania Prestigiacomo angesichts der außer Kontrolle geratenen japanischen Atomkraftwerke zu sagen? Nichts. Italien macht weiter. Keine Kursänderung, sagt die Umweltministerin. Erschreckend schlicht, die Dame. Findet gut, dass es in Italien keine alten Akw gibt, so dass „wir wiedereinsteigen können, mit größter Umsicht und fortschrittlichster Technologie.“ Klingt das beruhigend?

Mitte Juni werden die Italiener in einem Referendum über die Atompläne der Regierung Berlusconi abstimmen.

Avanti popolo!

… alla genovese!

Wohnen wir schon oder renovieren wir noch? Mal so – mal so. Das Schlimmste ist geschafft. Jeder weitere Pinselstrich, jedes Regal, jede Tür, die doch noch weiß lackiert … ach, nächstes Wochenende. Also, nächstes Wochenende ganz bestimmt. Und so ist der Herbst eingezogen und ausgezogen und wir sehen dem Weihnachtsbesuch hoffnungsvoll entgegen, denn der wird uns motivieren, endlich die Schuhberge hinter der Haustür hübsch in ein Regal zu sortieren, den rostigen Heizkörper im Bad auszuwechseln, die Wand im Gästebad zu verputzen und andere Kleinigkeiten zu erledigen. Man will ja bella figura machen, so italienisch sind nun doch .

Und leben wir schon in der Stadt oder kommen wir noch an? Mal so, mal so. Es gibt einen muffeligen Zeitungsverkäufer, der mir noch nie den Anflug eines Lächelns geschenkt hat, aber morgens die Repubblica aus seinem Kiosk reicht, ohne dass ich einen Ton sagen müsste. In der Bar daneben wird mir dann ebenso selbstverständlich – aber lächelnd – der Cappucino auf den Tresen gestellt. Beim tabacchi wurden mir neulich 20 Cent Skonto gewährt, weil Wechselgeld knapp  war – im geizigen Genua! Ich geh – wie alle – auf der Promenade am Meer laufen, weil das eine der wenigen halbwegs ebenen Strecken ist, und strampel auf dem Fahrrad – wie sonst nur gute Deutsche oder Italiener im knallbunten Radrenndress –  den Berg hoch nach Hause. Wir kennen ein, zwei erstklassige gelaterien und eine tolle Pizzeria, die quasi im Meer schwimmt. Haben den ersten Kindergeburtstag gefeiert – und überlebt. Das alles ist ein bisschen wie ankommen und sich langsam in das alltägliche Straßenbild einfügen.

Und nu‘ is‘ scho‘ wieder Weihnachten und Sylvester kommt gleich hinterher und damit all die guten Vorsätze für’s neue Jahr. Mein erster Vorsatz: Ich fang jetzt an zu wohnen.  Beschließe die Renovierung für beendet, räum die Werkzeugkiste an den Platz, an dem sie in einem normalen Alltag zu stehen hat, ebenso all die Schachteln mit Nägeln, Schrauben und Dübeln, Schleifpapier und Lackpinsel – all das Renovierzeugs eben, das immer noch den Flur verbaut. Dies und das wird noch erledigt werden, aber wir hüpfen jetzt erstmal mal ins Jahr 1 in Genua. Und leben wieder so normal oder unnormal wie wir eben leben.

Die nächste Baustelle wird in diesem Blog eröffnet. Der wird restauriert, restrukturiert, umfunktioniert – demnächst. Im Jahr 1 alla genovese.

Ahoi!

… Zen

 

So sah es aus:

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So sieht es aus:

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Sie klingelten morgens um 6.40. Standen mit einem bedrohlichen Lkw in unserer kleinen Straße. Der war vollgepackt. Mit all unserem Kram. Drei Stunden später war der Lkw leer und das große Haus vollgepackt. Zwei Möbelpacker, die schleppten und schwitzten und fluchten und gleichzeitig Zigaretten im Mundwinkel baumeln lassen konnten, und ein Chef. Das war der mit dem dicksten Bauch, der auch am meisten lachte, während er Kiste um Kiste an die Ladekante rollerte.

Da soll man gelassen bleiben. Aug‘ in Aug‘ mit geschätzten 150 Kisten und Klavier und Regalen und Betten und Sofa und was man sonst so braucht. Wirklich braucht? Alles nur eine Illusion, würde der Zen Meister sagen. Betrachten und vorbei ziehen lassen. Darum mühen wir uns nun seit mittlerweile drei Wochen.

Mit Zen und Karatetraining haben wir uns vorher eine Woche lang auf die Schrecken der Möbelpacker und zu pinselnder Wände vorbereitet. Saßen morgens um sechs auf den Kissen, sprangen um sieben in die Karateanzüge, trainierten bis halb elf.

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Saßen mittags noch ein halbes Stündchen auf den Kissen und wenn wir nach dem Abendtraining bei Pasta und Wein den Freunden von unserem Haus und der Renovierung erzählten, dann lachten wir alle herzlich.  Denn jeder hatte schon den Horror eines Umzugs erlebt und konnte mancherlei lustige Geschichte über nicht endend wollenden Kistenberge und Handwerker, die jenseits aller Zeiten etwas tun oder nicht tun, erzählen. Alle haben überlebt. Wir auch?

Wir übten uns in konzentrierter Gelassenheit und üben noch immer. Balancieren auf der Leiter mit Farbeimer, rollern gelassen  4,5o hohe Decken, lassen uns gleichmütig den Stuck ins Gesicht platschen, greifen zum Spachtel und verputzen liebevoll. Und rollern weiter.

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Kisten schleppen oder Klo putzen – alles ist Zen. Und Zen ist nichts. Ohne Absicht sitzen und die Klappe halten. Nur sitzen. Oder pinseln oder verputzen. Das Kino im Kopf und die Ungeduld im Bauch zähmen. Atmen. Nur Atmen. Alles wird gut.

… im Chaos

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Neues Leben in Genua. Und nichts funktioniert. Es gibt kein Warmwasser – der Gasanschluss wird frühestens in einer Woche geöffnet – weder Kühlschrank noch Herd – die Ikea-Küche kommt Anfang August und nein, wir bauen nicht selbst auf, wir haben nicht vor, uns scheiden zu lassen – kaum eine Glühbirne, aber – abgesehen von vier neuen Ikea-Stühlen – gibt es Internet und Telefon. Unglaublich, diese modernen Zeiten. Der Telecom-Mann stand am Morgen nach unserer Ankunft auf der Matte, fummelte an ein paar Drähten herum und zack – wir haben Internet, sogar wireless (!), auffe Baustelle.

Möbel und Kisten – ogottogott, wieviele Kisten, trotz allem feng-shui mässigen Entrümpeln – die kommen erst in einer guten Woche aus Lecce an. Bis dahin campen wir in unserer Genueser Hütte. Auf 170 m2, die bei näherem Hinsehen wesentlich brüchiger sind, als sie im Überschwang eines sonnigen Nachmittags aussahen, damals, als uns ein gigantisch großes, sonniges Wohnzimmer mit 4,50 m Deckenhöhe beeindruckte. Die müssen nun gemalt werden. 170 m2 müssen gemalt werden. Die sind kein Pappenstiel, schon gar nicht, wenn manche Wand bei näherem Hinsehen und Betasten schlicht wegbröselt. Löcher da und dort (Mäuse soll es auch geben!), verwarzte Bäder, dazu noch rosa gekachelt, zudem ein Baugerüst draußen, weil die Dachterrasse marode ist – und nicht nur die.

Unser Vermieter hatte „lavoretti“ angekündigt, was die Verniedlichung von Bauarbeiten ist. Schnell erledigt. Nun spazieren Maurer, Elektriker und Klempner durch das hübsche, alte Haus und diktieren unserem Vermieter, was zu tun ist, welche Materialien sie benötigen und was das dann alles kostet – da fällt selbst dem sonst so gefassten Vermieter, der eigentlich ein lustiger, kugelbäuchiger Mensch ist, der Putz aus dem Gesicht. Unsere Vormieter hätten leider sechs Jahre wie auf dem Campingplatz im Haus gelebt. Tatsächlich ist vor Ende September – im August lässt Italien schließlich kollektiv die Kelle fallen und lungert am Strand herum – kein Land in Sicht. Die „Bauarbeitchen“ wachsen sich zu einer ernsthaften Restaurierung aus.

Manchmal stehen Roman und ich abends mit Farbe bekleckst erschöpft auf der frisch geteerten Dachterrasse, versuchen uns auf das nächst liegende zu konzentrieren. Sollen wir das Schlafzimmer vielleicht grün malen? Eine Schleifmaschine für die zu lackierenden Türen kaufen – aber müssen wirklich ein Dutzend braune Türen weiß lackiert werden? Hm. Manchmal ertappen wir uns bei einem fiesen Gedanken – wir wollen eigentlich nur zurück. Alles Schluss aus, zurück nach Hause, das – ja, wo nun eigentlich ist? In Lecce? Aber da stehen Berge von Kisten in einer unrenovierten Wohnung. Sollen wir die da etwa wieder auspacken? Himmel hilf! Nee, nee, nee. Und all die Abschiedsparties, sollen die für nichts gewesen sein?

Also kuscheln wir uns zu den Kindern auf das Luftmatrazenlager in meinem zukünftigen Büro, lesen Karlson vom Dach und Feng Shui Bücher mit Taschenlampe und träumen von einer funktionierenden Einbauküche und warmen Dusche und guten Handwerksgeistern, die zuverlässig wie die Telecom uns in ein normales Leben zurück versetzen mögen.

… aufgebrezelt

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… ein Hauch von großer weiter Welt …, posted with vodpod

Ragazzi! Hatte ich jemals über Schlaglöcher geklagt? Nun, so lasst euch verkünden, es gibt neuerdings in Lecce so’ne und so’ne Straßen. Die mit und die ohne Schlaglöcher … Die, die aalglatt, schwarz glänzen, noch frisch nach Teer duften und mit leuchtend weiß gepinselten weißen Fahrbahnmarkierungen und Zebrastreifen prahlen. Und die meisten anderen eben. Die mit Rissen und Löchern, auf denen nix klares mehr zu erkennen ist, Mittellinien, Farbbahnmarkierungen oder gar Zebrastreifen zur Unkenntlichkeit verwaschen. Die einen sind des Städtchens neue Kleider, noch ungewohnt, irgendwie unpassend, aber einem großen Anlass angemessen. Die anderen sind die guten alten ausgewaschenen Jeans, in denen man sich zuhause fühlt, jedes Loch kennt – die für das normle Leben eben.

Aber warum sind die einen so und die anderen nicht? Weil die einen G8 Straßen und die anderen keine G8 Straßen sind. Weil sich auf den einen zwischen dem 11. und 13. Juni irgendein Finanz- oder Wirtschaftsminister dieser Welt bewegen wird und auf den anderen nicht. Jawoll, kein Scherz. Die wichtigsten Wirtschaftsminister dieser Welt kommen nach Lecce. Auf den letzten Zipfel Italien. Ist das toll? Wollen die sich wirklich mal angucken, wie das Leben im Mezzogiorno so spielt?

Die Schatten der großen Ereignisse tauchten in Lecce in Form von Straßenwalzen auf, die Asphalt plätteten und den Verkehr gründlich lahm legten. Was jahrelang verdaddelt wurde, seit einigen Wochen geht’s rund. Plötzlich wird ein Fahrradweg nach drei Jahren Bauzeit allerfeinst fertiggestellt, 500 Meter mit hübscher Hecke am Rand und alle fünf Meter eine Straßenlaterne, damit man sich auch nachts daran erfreut, denn ansonsten gibt es kaum Radwege. Oder die Piazza Santa Chiara, wo seit Ewigkeiten Archäologen herumpuzzelten, irgendwann nichts mehr passierte und heute morgen hektisch Rasen ausgerollt wurde. Wir reiben uns die Augen und staunen.

„Lecce emfängt die Welt“, freut sich die Stadtregierung und entschuldigt sich bei uns Bewohnern mit obigem Video auf youtube. Hat bislang nur noch kaum einer gesehen und die großen Rätsel bleiben ungelöst: Sollen Bäcker, Schlachter und Blumenverkäufer, Antiquitätenhändler, Apotheker und Zeitungsmann nun ihre Läden aufmachen oder nicht? Bars, Restaurants? Wirte und Geschäftsleute zetern, zwei Tage, bevor die Welt auf Lecce guckt, weiß wunderbarer Weise keiner was Genaues.

Natürlich wird es eine Rote und eine Gelbe Sicherheitszone geben, mitten in der Stadt rund um den Tagungsort im wehrhaften Castello. Aber was ist noch erlaubt, was nicht, wenn acht Wirtschaftsminister vor der Welt geschützt werden müssen? Wo endet die Rote und beginnt die Gelbe Zone? Das wird zwei Tage vor dem Gipfel noch nicht verraten. Dürfen wir Anwohner noch raus oder nicht?

Sicher scheint: Es werden Müllcontainer und Papierkörbe entfernt – wegen der Bomben – und 1000 Polizisten stehen bereit – wegen dem Gegengipfel „No G8 in Lecce“. Man kann ja nie wissen. Erst Anfang der Woche haben die Organisatoren als Finanzminister vermummt auf dem Wochenmarkt mit selbst gedruckten 500 Dollar Scheinen um sich geworfen. Wer weiß, was noch kommt.

So harren wir der nicht weniger spontanen Entscheidungen der Stadtverwaltung. Soll hier nun Welt emfangen werden oder ist Lecce nur eine aufgebrezelte Geisterstadt?

… ziemlich juhu!!

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Es ist vollbracht. Nach Wochen der Ungewissheit und stählernen Nerven, der zähen Verhandlungen und Blöffereien der Marke: Interessiert uns eigentlich gar nicht mehr diese Hütte, bleibt doch selbst in den sonnendurchfluteten, luftigen Zimmern sitzen. Uns wurscht. Viel zu teuer. Mitten in der Stadt. Zur Linken gar ein Wohnblock, deren Bewohner direkt auf die Dachterrasse glotzen können wie die Opas in der Muppet Show. Besten Dank.

Gepokert und gewonnen! Wir haben die Hütte. Nicht für nichts, aber für ein Einzelhaus – dass es im Genueser Gedrängel  eigentlich gar nicht gibt – in ruhiger Lage mit Winzgarten (für den Basketballkorb) und gigantischer Dacherrasse, auf der demnächst ein Dschungel wuchern soll, vielen Zimmern gen Süden und naja, nicht gerade Meerblick, aber doch dahinten ist ein blaues Dreieck, da leuchtet das Meer, Viertelstunde zu Fuß den Berg runter – also für das alles und viel Platz haben wir einen prima Deal gemacht. Der Makler attestierte uns, wir seien auf dem besten Weg echte Genueser zu werden – die sind in ganz Italien als Geizhälse verschrieen.

Na, ist das ein Lob? Egal. Wir freuen uns auf die große Stadt am Meer und unsere neuen Nachbarn.

… lasziv

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„Lecce ist die sonnensatte, duftende Königin des Barock, eine Stadt, die lasziv mit ihren Rundungen spielt …“ schreibt Spiegel online heute. Na, wenn das keine üppige Stilblüte ist …

… eine Schatzkiste

Was ich vermissen werde … wir haben zwar immer noch keine Wohnung in Genua – grad habe ich mit einer Maklerin telefoniert, die ein 140 m2 großes Haus am Meer vermietet – ach, was sage ich Haus am Meer, ein Traum, ein Schiff, das an der ligurischen Felsküste vor Anker liegt, sofern man den Fotos im Internet glauben darf. Alles weiß, dazwischen große Fenster, gleichsam lichte blaue Quadrate in weißen Mauern. Eine Terrasse wie eine Schiffsreling. Die Romanze kostet, na? 3000irgendwas Euro, sagt die Maklerin kurz und trocken. Jeden Monat. Ok. Das ist jenseits aller guten Geister. Keine Besichtigung nötig. Kalte Dusche, aufgewacht, kurz geschüttelt. 3000irgendwas Euro Miete für 140 m2. „Nur für Mauern!“ empört sich meine Freundin Emilia, „da hast du dich noch nicht gewaschen, gewärmt oder Licht angeknipst!“ – will sagen: ohne Wasser, Heizung, Strom. Nur Mauern. Lächerlich. Stimmt. Aber … egal. Es gibt sicher auch hübsche Plätze für kleineres Geld.

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Also: … was werde ich vermissen, wenn wir nicht mehr im Süden des Südens, auf dem letzten Zipfel Italien leben?

Schatzkiste aus dem Salento, die Erste:

Ganz, ganz sicher den 1. Mai und Kurumuny. Kurumuny ist ein altgriechisches Wort für den Sproß eines Olivenbaumes. Im Salento gibt es Olivenbäume, die sind vier-, fünfhundert Jahre alt. Mächtige, knorrige Denkmäler, wundersam verwachsen, die wie Weise still und erhaben zwischen Himmel und Erde wachen.

Kurumuny ist auch ein Stück Land im Herzen des Salento, das seit Urzeiten bewirtschaftet wird. Und der Platz, um in bester Tradition, den 1. Mai zu feiern. Man stelle sich ein buntes Frühlingsfest vor, alle dürfen kommen und tatsächlich kommen alle. Viele, viele gut gelaunte Freunde, die gemeinsam essen und trinken bis es nichts mehr gibt, singen und tanzen, ach, einfach das Leben feiern. Von morgens bis tief in die Nacht. Ein rundes Friede-Freude-Eierkuchen-Fest zwischen blühenden Wiesen, unter Feigen- und Olivenbäumen im Garten dieser alten Masseria, einem apulischen Landgut. Kinder kegeln herum, hängen in den Bäumen und bolzen auf der Wiese. Picknickkörbe werden ausgepackt, Grillduft zieht durch das Grün – wer schnell genug ist, kriegt noch ein Stück Fleisch, und wer seinen Becher rechtzeitig parat hält, bekommt ihn am Nebentisch mit Rotwein gefüllt. Regenbogenfarbene Friedens- und die rote Che Guevara-Fahnen flattern am Himmel. Irgendwo singen mehrstimmig alte Frauen, eine Truppe aus dem Senegal trommelt und wirbelt über den alten Dreschplatz, auf dem ansonsten salentinische Musikgruppen ihren Auftritt haben. Denn was wäre Kurumuny ohne Musik?

Ohne Pizzica?

tamburine

Wer immer ein Instrument spielt, bringt es mit, Gitarren, Geigen, Akkordeon und Tamubrine, jaah, auf jeden Fall Tamburine, die gehören im Salento zum Inventar eines anständigen Haushaltes. Frauen, meist Arbeiterinnen in den Tabakfeldern, die von der Tarantel gestochen worden waren, tanzten sich einst mit Pizzica in Trance. Eine Art Exorzismus, um sich von dem Gift der Spinne zu reinigen. Man könnte auch sagen: Befreiung.

Heute tanzen alle Pizzica. Wirklich alle. Oma und der coole Enkel, echte Freaks und aufgebrezelte Mädels. Pizzica ist Kult. Pizzicare heißt kneifen und wer einmal in einer lauen Sommernacht auf einer salentinischen Piazza vom tanzenden Mob aus mehreren Generationen und von den Rhythmen der Tamburine befallen wurde, den lässt diese Musik, Volks-Musik im besten Sinn, nicht mehr los.

Am 1. Mai hab ich vielleicht noch keine neue Wohnung, aber ich möchte definitiv nirgendwo anders anders sein, als genau dort. Kurumuny.

 

… vollgestopft

Freundliche Familie sucht freundliche Wohnung ...

Freundliche Familie sucht freundliche Wohnung ...

Wohnung suchen ist anstrengend. Gelinde gesagt. Insbesondere, wenn du sechs Jahre lang beschaulich, und vielleicht auch etwas gelangweilt, in der barocken Kulisse von Lecce gelebt hast. Dann fällt Genua wie ein Monstrum über dich her. Laut, chaotisch, eng. Vorne das Meer, hinten die Berge, dazwischen eine Großstadt. Genua ist vollgestopft mit Häusern, vor allem mit hohen Häusern und immer den Berg rauf. Der Hauseingang kann deshalb auch mal im 5.Stock sein, der Fahrstuhl bringt dich und deine Einkäufe dann runter ins Erdgeschoß. Genua ist dreidimensional. Das musst du erstmal kapieren und durchdringen.

Wir suchen beispielsweise eine Straße, wähnen uns laut Stadtplan fast da, parken. Gleich rechts und nochmal rechts, da muss es sein, denken wir Flachländer. Weit gefehlt. Nicht mal eben um die Ecke, sondern da oben! Serpentinen hoch und rum und nochmal rum oder zu Fuss Treppengänge Richtung Himmel stapfen. Ungeahnte Höhenmeter, die der Stadtplan nicht erwähnt. Da oben soll die begehrte Wohnung mit Garten sein. Zwischen roten gesichtslosen Wohnblocks. Einer neben und unter und über dem anderen. Die Wohnung ist im Erdgeschoss, ziemlich finstere 120 Quadratmeter  mit Gittern vor den Fenstern. Der Garten, na ja, ein Streifen Grün drumrum. Der Makler murmelt was vom „kleinen Paradies“, unser 10jähriger Sohn  mault: „Das hab ich mir aber anders vorgestellt“. Tatsächlich passt nicht mal im Traum ein Basketballkorb ins Paradies rein.

Wurde das Thema Wohnungsuche eigentlich in der Fachliteratur über Familientherapie behandelt? Sollte ein Klassiker sein wie Nähe und Distanz in der Paartherapie. Wer braucht wieviel Platz und wie eng mögen wir aufeinander hocken? Brauchen wir ein oder zwei Bäder? ZWEI! Ein oder zwei Kinderzimmer? Besser zwei, um die geballte Jungs-Energie zu bändigen, getreu dem Motto „Teile und herrsche“. Ein Büro für mich – darf Roman da auch seinen Schreibtisch reinstellen? Und vollmüllen? Könnte es nicht gleichzeitig Gästezimmer sein? Abstellraum? HILFE! Wer hat welche Bedürfnisse nach Spiel- und Sportplätzen, Cafes, Buchläden und Kino? Wie sieht’s mit der „Bodenhaftung“ der Wohnung aus? Eine Wortschöpfung von Roman, der auch dafür zuständig ist, also: gibt es Keller, Platz für Fahrräder oder gar eine Garage, in der seine „kleine, dicke Italienerin“, die olle Motoguzzi, behaglich Öl tropfen darf? Ich bin dagegen für das allgemeine Ambiente zuständig. Schwarze Fußböden zum Beispiel – ja, siehst du das nicht? Warum siehst du das nicht? Überall schwarz! Ist ein Garten mit Zitronenbaum wirklich lebenswichtig oder tut’s auch ein Balkon mit Blick in Nachbar’s Garten? Die Sache ist also hinreichend komplex, jeder Psycho dürfte sich die Hände reiben.

Wir fahren einfach Richtung Osten aus Genua raus. Solange, bis es aufhört mit den Wohnblocks und anfängt mit dem Grün zwischen den Häusern. Immer am Meer lang, allein der Blick auf’s Blau entspannt. Ich denke, mit Meerblick wohnen, was für ein Luxus. Das dürfte in dieser Stadt am Berg und am Meer doch nicht unmöglich sein? Plötzlich ist Genua schon zu Ende und Bogliasco ist da. Ein Dorf am Meer mit einer Bucht, in der eine Strandbar hockt, mit orange-rot angepinselten Häusern – Meerblick fast unvermeidlich – und Bahnanschluss nach Genua. Hier zu wohnen, das wäre schon unverschämt schön. Oder zumindest in der Nähe. Wir verträumen eine Mittagspause und den halben Nachmittag in der Strandbar (köstlichste Pasta mit Meeresfrüchten! Dazu ein frischer Weißwein, leicht frizzante, aah das ist doch Italien!) Zumindest wissen wir jetzt schon mal, wo wir unsere neue Hütte suchen.

Zurück in Lecce, ohne Mietvertrag in Genua. Aber wir freuen uns schon ein kleines bisschen. Auf den Meerblick und das Grummeln einer großen Stadt.