DSC_2531… wollte ich eigentlich gar nicht leben. Wie es soweit kommen konnte, dazu noch mit krimineller Energie

Eins vorweg: Ich wollte nie auswandern. Und schon gar nicht nach Italien. Reisen ja, immer schon, gerne, lange, weit – aber Italien? Existierte für mich nur auf der Durchreise zur Fähre nach Griechenland. Keine Schwärmerei für bellezza und dolce vita, Vespa und Venedig – alles spurlos an mir vorbeigezogen.

Grafitti

Dass ich trotzdem mit meinen Jungs in Italien gelandet bin, ist eine putzige Laune des Lebens, das meinem abenteuerlustigen Gatten mit einem Jobangebot in Apulien vor der Nase herumwedelte, genauer: in Lecce, auf dem Stiefelabsatz. 600 Kilometer von Rom entfernt – und, nebenbei bemerkt, damals auch vom nächsten IKEA,in dem ich, anno 2003, dringend benötigte Bücherregale hätte kaufen wollen. 600 Kilometer bis Billy. Erst als ich zwischen meinen Bücherkisten unter himmelhohen Decken in dem barocken Palazzo hockte, der für die nächsten sieben Jahre unser Lebenszentrum werden sollte, wurde mir tatsächlich klar, wohin es mich verschlagen hatte. Ans Ende von Europa. Provinz pur.

Wenn es um Italien geht verlieren Deutsche ja gerne den Kopf, seufzen wie verliebte Teenies und schnuppern betört dem Duft von Zitronen hinterher wie dereinst Goethe – eine nie endende Romanze. Als ob das Leben in Italien nur aus cappuccino und gelato, güldenen Weinhügeln und azurblauem Meer bestände, ohne Wecker, die morgens um sieben (oder auch früher) durch die holden Träume dengeln. IMG_4742

Gegenüber diesen unverbesserlichen Italien-Romantikern hatten wir einen entscheidenden Vorteil: Wir waren nur zufällig im Land ihrer Träume gestrandet. Unser Liebe konnte nicht enttäuscht werden, die Fallhöhe von Himmelhoch jauchzend (Neuer Job! Neues Abenteuer!) zur nicht funktionierenden Gastherme war erträglich. Die zickte nämlich auch noch nach diversen Besuchen des Klempners im Wechsel mit dem Wartungsdienst. Ein munteres Ping-Pong-Spiel: der eine erklärte jeweils den anderen für zuständig, also war keiner für die kalte Dusche verantwortlich. Irgendwann funktionierte die Therme. Einfach so. Also zumindest aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen. Einer der Mechaniker hatte ein bisschen mehr rumgespielt als der andere und plötzlich wärmte die Kiste uns und das Wasser wieder. So wie das Leben in diesem Land. Unberechenbar, aber irgendwie geht’s munter weiter.

Ich fand mich also zwischen Bücherstapeln und mit zwei kleinen Jungs jenseits aller weltstädtischen Strukturen und ernst zu nehmender internationaler Flughäfen wieder. Doch inmitten all der barocken Schönheit aus hellgelbem Sandstein des centro storico krochen die ersten Ideen für „Aller Anfang ist Apulien” wie Unkraut und Blümchen aus Mauerritzen. Kriminell sollte die Geschichte sein, nicht nur Frauenroman. Ich begann mit allerlei Ideen herumzuspielen. Die Lokalzeitung wurde zur wahrhaftig wunder-vollen Fundgrube für provinziellen Klatsch, mafiöse Machenschaften und lokalpolitische Mauscheleien. Ich horte noch heute einen kostbaren Stapel inspirierender Artikel und bin glücklich, dass ich, inzwischen aus Genua, die provinziellen Skandale auch online verfolgen kann. In einer ersten Version des Plots tauchte eine Bande Hard-core-Satanisten auf, die jedoch nach einer schlaflosen Nacht im Papierkorb landete – zu gruselig, für solche Verrückten waren meine Nerven eindeutig zu flatterig. Übrig blieben davon im Buch noch einige Hühner, die zu Weihnachten kopfüber im Krippenspiel auf der Piazza baumelten.

DSC_2363Michele, Elenas jungen Liebhaber, traf ich an einem lauen Sommerabend auf einer Piazza während eines Pizzica-Konzertes. Genauer: neben mir stand ein junger Mann, der traumschön versonnen aus seinen dunklen Augen schaute und ich wusste: Der ist es. Er weiß bis heute nichts davon, ich habe nie ein Wort mit ihm gewechselt – er stand einfach nur zehn Minuten neben mir Modell für Michele. Und verschwand dann aus meinem realen Leben.

Für Suora Benedetta gibt es viele Vorbilder, Lecce ist einfach voll mit Kirchen, Klöstern und Nonnen. Aber den vico del Sole, die Hurengasse im Schatten des Klosters, in das ich Benedetta gesteckt habe, den gibt es wirklich. Dieses Nebeneinander von Sünde und Segen, das musste einfach eine Rolle spielen.

Was ist mit zio Gigi? Dem warmherzigen Onkel mit dem Hang zur Schwatzhaftigkeit und Besserwisserei, der gut gelaunt durch das Leben stapft und sich voller Wonne um Elenas kleinen Sohn kümmert? Natürlich gibt es Gigi. Nicht nur einmal. Gigi ist überall. Und Gigi, nein, all die vielen Gigis, die stun-den-lang über’s Essen dozieren, die Weisheit des Weines kennen und wildfremden Kindern auf der Straße einfach mal zuzwinkern, nur so, weil es toll ist, dass diese Zwerge herumlaufen, diese Gigis sind sicherlich einer von vielen Gründen, warum wir immer noch – und irgendwie auch ganz gerne – in Italien leben. IMG_0845