Im Land, wo die Zitronen blühen …

… wollte ich eigentlich gar nicht leben. Aber dann verschlug es mich nach Apulien, auf den allerletzten Zipfel von Italien. Mein erster Roman konnte nur kriminell werden.

Eins vorweg: Ich wollte nie auswandern. Und schon gar nicht nach Italien. Reisen ja, immer schon, gerne, lange, weit – aber Italien? Existierte für mich nur auf der Durchreise zur Fähre nach Griechenland. Keine Schwärmerei für bellezza und dolce vita, Vespa und Venedig – alles spurlos an mir vorbeigezogen.

Bis meinem abenteuerlustigen Gatten ein Job in Italien angeboten wurde. Genauer: in Apulien, Lecce, tief tief im Süden auf dem Absatz des Stiefels. 600 Kilometer entfernt von Rom – und damals, anno 2003, auch vom nächsten IKEA. 600 Kilometer bis zu Billy. Erst, als ich zwischen meinen Bücherkisten hockte, wurde mir klar, wo in den nächsten sieben Jahren mein Lebensmittelpunkt mit zwei kleinen Jungs und Gatten sein sollte. Unter himmelhohen Decken eines barocken Palazzo mit Dachterrasse, traumschön. Aber gefühlt am absolotuen Ende von Europa. Provinz pur.

Zickige Gastherme statt dolce vita

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„Du hast nur Angst, mich zu lieben!!!“ – „Nein … ich liebe dich nicht.“

Wenn es um Italien geht verlieren Deutsche ja gerne den Kopf, seufzen betört und schnuppern dem Duft von Zitronen hinterher, ach Italien! Diese nie endende Romanze. Als ob das Leben dort nur aus lustigen Menschen, cappuccino und gelato, goldigen Weinhügeln, azurblauem Meer und ebensolchem Himmel bestände. Kein Wecker, der morgens um sieben (oder auch früher) durch diese holden Träume dengeln könnte. 

Gegenüber ahnungslosen Italien-Romantikern hatte ich einen entscheidenden Vorteil: Meine Liebe konnte nicht enttäuscht werden, die Fallhöhe von „Warum nicht mal in Italien leben?“ zur tagelang nicht funktionierenden Gastherme war erträglich. Die zickte beharrlich auch nach diversen Besuchen des Klempners im Wechsel mit dem Wartungsdienst. Ein munteres Ping-Pong-Spiel: der eine erklärte jeweils den anderen für zuständig, also war keiner für die kalte Dusche verantwortlich. Irgendwann funktionierte die Therme. Einfach so. Also zumindest aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen. Einer der Mechaniker hatte ein bisschen mehr rumgespielt als der andere und plötzlich wärmte die Kiste uns und das Wasser wieder. So wie das Leben in diesem Land. Unberechenbar, aber irgendwie geht’s munter weiter.

Die Hurengasse, Elena, Michele und die Nonne

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Ich fand mich also zwischen Bücherstapeln und mit zwei kleinen Jungs jenseits aller weltstädtischen Strukturen und ernst zu nehmender internationaler Flughäfen wieder. Doch inmitten all der barocken Schönheit aus hellgelbem Sandstein des centro storico krochen die ersten Ideen für „Aller Anfang ist Apulien” wie Unkraut und Blümchen aus Mauerritzen. Ich begann mit allerlei Ideen herumzuspielen. Die Lokalzeitung wurde zur wahrhaftig wunder-vollen Fundgrube für provinziellen Klatsch, mafiöse Machenschaften und lokalpolitische Mauscheleien – klar, die Geschichte sollte, musste kriminell werden.. Ich horte noch heute einen kostbaren Stapel inspirierender Artikel (… damals riss man Zeitungsseiten noch aus und stopfte Hängeordner damit voll …). In einer ersten Version des Romans tauchte noch eine Bande Satanisten auf, die jedoch nach einer schlaflosen Nacht im Papierkorb landete – für solche Verrückten waren meine Nerven eindeutig zu flatterig. Übrig blieben davon in „Aller Anfang ist Apulien“ nur einige Hühner, die zu Weihnachten kopfüber im Krippenspiel auf der Piazza baumelten.

Onkel Gigi ist überall …

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Michele, Elenas jungen Liebhaber, traf ich an einem lauen Sommerabend auf einer Piazza während eines Pizzica-Konzertes. Genauer: Neben mir stand ein junger Mann, der traumschön versonnen aus seinen dunklen Augen schaute und ich wusste: Der ist es. Er weiß bis heute nichts davon, ich habe nie ein Wort mit ihm gewechselt – er stand einfach nur zehn Minuten neben mir Modell für Michele. Und verschwand dann aus meinem realen Leben.

Für Suora Benedetta gibt es viele Vorbilder, Lecce ist voll mit Kirchen, Klöstern und Nonnen. Aber den vico del Sole, die Hurengasse im Schatten des Klosters, in das ich Benedetta gesteckt habe, den gibt es wirklich. Dieses Nebeneinander von Sünde und Segen, das musste einfach eine Rolle spielen.

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Was ist mit zio Gigi? Dem warmherzigen Onkel mit dem Hang zur Schwatzhaftigkeit und Besserwisserei, der gut gelaunt durch das Leben stapft und sich voller Wonne um Elenas kleinen Sohn kümmert? Natürlich gibt es Gigi. Nicht nur einmal. Gigi ist überall. Und Gigi, nein, all die vielen Gigis, die stun-den-lang über’s Essen dozieren, die Weisheit des Weines kennen und wildfremden Kindern auf der Straße einfach mal zuzwinkern, nur so, weil es toll ist, dass diese Zwerge herumlaufen, diese Gigis sind sicherlich einer von vielen Gründen, warum wir immer noch – und irgendwie auch ganz gerne – in Italien leben. 

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