tamburine

Jedes Buch hat einen Soundtrack. Eine Musik, die mich beim Schreiben ans Händchen nimmt und für eine Weile die vielen netten und lästigen Ablenkungen zur Seite schiebt, die jenseits des Schreibtisches lauern, von ungelesenen Zeitungen bis zu ungewaschenen Socken. Allerlei Verführungen, die verhindern, dass die nächsten drei Seiten oder fünf Sätze oder überhaupt irgendetwas geschrieben wird. Der Soundtrack entführt mich in die Welt, in der ich mich mit meinem belletristischen Personal vergnüge, in der ich dem Commissario hinterher laufe und versuche, seinen Gedanken zu folgen oder plötzlich eine Person auftaucht und ruft: „Hallo, hallo! Ich will auch noch mitmorden!“

Natürlich gab’s auch beim „Tanz der Tarantel“ einen Soundtrack, schließlich geht es um einen ermordeten Musiker aus dem Salento und um Pizzica, die Musik,mit der einst Frauen vom Biss der Tarantel geheilt wurden – ein musikalischer Exorzismus mit Volkes-Musik, der noch in den sechziger Jahren im Salento praktiziert wurde. Seit einigen Jahren erlebt diese Musik ein furioses Comeback. Junge Musiker entdeckten diesen musikalischen Schatz des Salento und brachten die alten Lieder wieder auf die Bühne. Vor allem im Sommer, wenn in allen Dörfern die Schutzheiligen gefeiert werden, ziehen Pizzica-Bands über die Piazze und die Rhythmen ihrer Tamburine wummern durch die lauen Nächte. Höhepunkt ist die „Notte della Taranta“ im August, die jedes Jahr mehr als 100.000 Fans nach Melpignano lockt, in eines dieser steinalten Dörfer, in dem sonst keine 3.000 Seelen leben. Klar, der Soundtrack für den „Tanz der Tarante“ war eine Pizzica-Playlist. Fast vier Stunden lang. hoch und runter, monatelang täglich die gleiche Musik, die mich an den Schreibtisch knotete und in den Salento entführte, auf eine tanzende Piazza und in den glühenden Sommer. Als Muntermacher sehr effektiv: „Nu te fermare“, eine moderne Pizzica von den Canzoniere Grecanico Salentino.