Pizzzica – neu aufgelegt

NotteDellaTarantaTamburin

„Oh Santu Paulu meeeuuuu te le tarante ….“ hallt es durch die Sommernacht, ein Tamburin rasselt, dann dumpfe Schläge wie der Rhythmus des Herzens, sie werden schneller und schneller, tosen über über die Piazza und bis niemand mehr still steht. Pizzica – die Musik des Volkes.

Die Magie der Musik

Pizzica, das war Musik, die einst die Frauen vom Gift der Tarantel, vom Irrsinn befreien sollte. Die Tarantate tanzten tage- und nächtelang, durch diesen heidnischen Exorzismus. Hinterher zogen sie nach Galatina, tranken Wasser aus der Quelle, die Santu Paulu zu ihrer Heilung gesegnet haben soll.

Mit den modernen Zeiten verstummte die Pizzica. Doch sie schlummerte nur in den sonnengewärmten Steinen des Salento. In den 1990er Jahren entdeckten junge Musiker die alten Lieder wieder, die Geschichten, die sie vom Elend und von der Armut im Mezzogiorno erzählen, von der Liebe, der Schönheit des sonnenverbrannten Salento. Und von seiner Magie.

Tanz der Tarantel

Inzwischen gibt es kaum eine Sommernacht, in der nicht auf irgendeiner Piazza des Salento gesungen und getanzt, wird. Wenn Pizzica durch die Gassen wummert, bleibt niemand still sitzen. Einer der Höhepunkte ist Ende Juni das Fest zu Ehren von Santu Paulu, dem Schutzpatron des Landstädtchens Galatina, wo die Leiche eines Pizzicamusikers im „Tanz der Tarantel“ gefunden wird.

Noch während in Galatina auf der Bühne Pizzica-Gruppen auftreten, sammelen sich Tamburinspieler ungeduldig vor der Kirche von Santo Paolo. Sobald das offizielle Konzert-Programm beendet ist, beginnt nach Mitternacht das wahre Fest auf der Piazza, mit Musikern und Tänzern aus den umliegenden Dörfern.

Inzwischen experimentieren einige Musiker mit der traditionellen Musik des Salento. Da schwingen dann arabische und afrikanische Töne oder Klänge vom Balkan mit, mal sind es furiose Experimente, mal stille Erkundungen. Dazu gehören Antonio Castrignanò und Ninfa Giannuzzi – zwei Musiker, die auf komplett unterschiedliche Weise den Traditionen der Pizzica die Treue halten, sie aber mit ihrem eigenen Temperament ins Heute übersetzen.

Neue Töne: furios …

Wenn Antonio Castrignanò mit seinem Tamburin in einer lauen Nacht die Bühne betritt, reicht wenig, damit die Piazza explodiert: Er schaute etwas irre, lässt sein Tamburin rasseln, seine Stimme drängt aus hitzigen Tiefen empor – und los geht’s.

Nebenbei: Falls irgendjemand Ähnlichkeiten zu meinem ermordeten Pizzica-Musiker vermutet: Ich schwöre bei den Tantiemen für den „Tanz der Tarantel“, ich habe Antonio Castrignanòerst nach Manuspriptabgabei zum allerallerersten Mal auf der Bühne gesehen. Aber hätte ich Nicolà nicht bereits erfunden und das Buch nicht schon geschrieben …

… und mystisch

Ganz anders die Sängerin Ninfa Giannuzzi – ein nächtlicher Auftritt auf dem Land. Im Schutz der Bäume, zusammen mit Trompeter und Gitarristen, vor einem kleinen Publikum, fast privat. Genau die richtige Athmosphäre für ihre stillen, leicht jazzigen Arrangements – nicht tanzbar, aber wundervoll zu hören, um sich in den Salento zu träumen.

… die ganz große Nummer: Notte della Taranta

Im Juli und August touren die Pizzica-Musiker über die Dörfer des Salento, der Big Band ist dann jedes Jahr die Notte della Taranta in Melpignano – Melpi-was? Wohin, bitte? Ja, richtig, in ein 3000-Einwohner-Nest im sonnenverbrannten Salento. Treffpunkt auf der Wiese vor dem verfallenen Augustiner-Kloster. Allerdings nicht zum beschaulichen Tralala, sondern zum Mega-Event mit rund 120.000 Zuschauern, internationalen Künstlern, Pizzica-Musikern und -Tänzern – das alljährliche Woodstock Italiens. Muss man mal erlebt haben.

One thought

  1. Also in Triggiano spielen sie offensichtlich lieber Rigoletto als Pizzica, was ich sehr schade finde, denn seit Deinem aktuellen Roman höre ich mir immer mal Pizzica auf Youtube an. Im nächsten Sommer muss ich unbedingt in den Salent!

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