Na also, geht doch …

55 Prozent für den „linksradikalen“ Pisapia – Mailand hat einen neuen Bürgermeister. Signora Letizia Moratti hat bereits ihr Büro geräumt, heute Nachmittag haben sich die beiden die Hand gedrückt. Offizielle Amtsübergabe. Er strahlend, sie in Tränen. Und das ist erst der Anfang. Weiterlesen

Nur Mut. Alles wird gut?

Wenn Montag um 15 Uhr in vielen italienischen Städten die Wahllokale schließen, dann … die italienische Opposition trommelt schon mal … dann könnte alles anders werden, dann könnte alles möglich sein.  Dann … ja, was? Weiterlesen

Kurzer Prozess

Eigentlich, eigentlich wollte ich mal nicht über den Cavaliere schreiben, sondern über diese seidigen Frühlingstage Anfang April, den azurblauen Himmel, meine Tomatensamen, die auf der Terrasse sprießen, aber … Es gibt Tage, da lese ich die Zeitung mit einem stillen Seufzer und gehe zum Alltag über. Und andere, an denen bin ich erbost. So ein Tag ist heute. Weiterlesen

… er kommt … er kommt nicht … er kommt …

Es ist die Woche des Berlusconi. Am Mittwoch, dem 6. April beginnt Rubygate, der Prozess, in dem der Premier wegen Amtsmissbrauch und Prostitution Minderjähriger angeklagt ist. Könnte man ja denken, allein die Anklage reichte für einen Rücktritt. Oder die Tatsache, dass niemand leugnet, dass Berlusconi auf der Polizeiwache in Mailand angerufen und um die Freilassung von Ruby gebeten hat, als die Minderjährige wegen Diebstahl festgenommen worden war. Die Signorina sei die Nichte von Mubarak, erklärte der Premier. Da lachte später ganz Italien drüber. Berlusconi winkte ab – Halt stop! Das war jetzt grade kein Scherz! Seine Mehrheit im Parlament bekräftigte also: Berlusconi habe mit diesem freundlichen – aber doch ziemlich bestimmten – Anruf nur eine diplomatische Krise zwischen Ägypten und Italien verhindern wollen. Im Ernst, ohne rot zu werden.

Also, alles kein Grund zum Rücktritt, weder die unappetitlichen Details über Bunga Bunga Parties, noch die Tütchen, wohl gefüllt mit 500 Euro Scheinen, die die Mädchen nach eleganten Abendessen und sonstigen Vergnügungen mit nach Hause nahmen, vorzugsweise in eines der Appartments, für die Berlusconi die Miete zahlte. Eine Art Harem im Hochhaus. Dazu all die Protokolle von abgehörten Telefongesprächen, die wir mittlerweile sämtlich rezitieren können – es wird in dieser Woche noch einmal alles alles aufgekocht werden und Berlusconi wird wieder schnarren: alles erfunden, nichts als Vorverurteilungen der linken Presse, bin ein Verfolgter der roten, kommunistischen Richter aus Mailand … Angeblich will er persönlich im Gerichtssaal erscheinen. Den Prozess leiten übrigens drei Frauen und es wurde bereits gemunkelt, ob weibliche Richter nicht voreingenommen seien … wurde diese Frage jemals bei einem männlichen Richter in einem, sagen wir nur mal, Vergewaltigungsprozess, gestellt? Egal, Er wird gegenüber den drei Frauen und dazu noch der Staatsanwältin Ilda Boccadissini, die die Ermittlungen leitete,  seine Ehre verteidigen. Es riecht schwer nach ganz ganz großem Kino. Allein die Zeugenliste der Verteidigung verspricht schon einen roten Teppich: George Clooney, Elisabetta Canalis, Cristiano Ronaldo. The show must go on.

Ein Mann – ein Haus

Das ist die neue Hütte des italienischen Ministerpräsidenten. Nein, nicht am Roten Meer, wo er mit dem ehrenwerten Onkel seiner Herzensbrecherin Ruby in den Ruhestand schnorcheln könnte. Ach was, Ruhestand, Berlusconi ist Unternehmer, ein Mann der Tat und das hat er heute einmal mehr allen gezeigt – live, auf allen Kanälen, bei schönstem Wetter auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. Dort gibt es nämlich richtig was zu retten, und da lässt sich der von Skandalen und Prozessen gebeutelte Cavaliere nicht zweimal bitten. Vor Wochen schon hatte Minister Maroni vor diesem „Exodus“ gewarnt, vor der Flutwelle der afrikanischen Flüchtlinge, die über Italien hereinbrechen würde. Arabischer Frühling schön und gut, aber wer soll die alle durchfüttern? Nun sind sie tatsächlich gekommen und es werden noch mehr kommen und wie viele nicht angekommen, sondern auf der Überfahrt ertrunken sind, das will niemand wirklich wissen. Rund 5000 Flüchtlinge aus Nordafrika sind derzeit auf der winzigen Insel, Menschen für die es kaum Unterkünfte, Kleidung, Essen, sanitäre Anlagen gibt. Als ob sie plötzlich, wie ein Tsunami über Lampedusa hereingebrochen wären.

Viele Bewohner von Lampedusa sammeln Kleidung bringen Essen, das, was sie grade haben. Und Berlusconi? Der Papi mit dem großen Herzen für bedürftige Mädchen? Es werden Schiffe kommen, verspricht er, und die werden die Flüchtlinge abholen und in Zeltdörfer in ganz Italien verteilen – nicht in den Norden natürlich, denn das Klima nahe der Alpen bekommt den Afrikanern nicht, findet Umberto Bossi, Minister und Chef der Lega Nord. Und wenn sie alle weg sind, dann kommt das Militär und putzt die Insel. So wird’s gemacht, verspricht Berlusconi inmitten seiner Claqueure, innerhalb von ein oder zwei Tagen sei das Problem gelöst. Piazza pulita, tabula rasa mit den Flüchtlingen  – das glaubt ihr nicht? Na, wartet ab, welch lustige Überraschung sich der Regierungschef für seine Bürger von Lampedusa ausgedacht hat: Damit sie ihm vertrauen, muss er einer von ihnen werden. Wie bitte? Ganz einfach: Berlusconi hat sich gestern morgen kurzentschlossen ins Internet gehängt, eine Villa auf der Insel ausgegraben – und drei-zwei-eins-meins! – gekauft! Applaus brandet auf und da lacht er ausgelassen, der Silvio, dieser Schlawiner. Nun ist er einer von ihnen, ein echter Lampedusano. Ihre Probleme sind jetzt auch seine Probleme – ist das toll?

Über den Golfplatz und ein Casino, ja tatsächlich, ein Casino!, könnte man bei anderer Gelegenheit reden, versprach Silvio noch, vielleicht bei einer Partie Karten in seiner neuen  Villa „Due Palme“?  330 Quadratmeter, direkt am Strand mit Garten und lauschiger Terrasse, Kaufpreis unbekannt. Die eine und andere Million wird’s gekostet haben, Papi hat mal wieder große Spendierhosen angehabt. Nur nicht für die, die vor den Bomben seines Bunga-Bunga Freundes Ghedafi flüchteten, deren Not für ihn nicht mehr als die Kulisse für einen populistischen Auftritt ist. Tatsächlich wäre das Anwesen natürlich auch eine feine Notunterkunft. Im Zweifel für … naja, was die Ägypter geschafft haben, sollte in Italien nicht unmöglich sein.

„Vereinigen wir uns, lieben wir uns!“

„Brüder Italien’s, Italien hat sich erhoben“, singt heute ganz Italien und feiert die 150 Jahre junge Einheit des Staates nach Jahrhunderten der Zersplitterung und Fremdherrschaft. Den Text der Nationalhymne schrieb der patriotische Student Goffredo Mameli aus Genua. Die „Mameli“  wurde 1847 zur Hymne des Risorgimento, der aufständischen Bewegung zur Einigung Italiens. Ganz Italien singt und feiert am 17. März? Nein, nicht ganz Italien.

Schon während der Vorbereitung zum Fest kam bestenfalls gedämpfte Partystimmung auf. Die Lega Nord will sich nicht wirklich mitfreuen, denn was hat der Norden mit der Einheit Italiens am Hut, mit den armen Schluckern im Süden, mit den „Räubern aus Rom“? Gut einige Abgeordnete und Minister der Lega Nord sichern die Mehrheit der nationalen Regierung. Ohne ihre Stimmen, wohlgemerkt: einer Regionalpartei, könnte Berlusconi schlicht einpacken. Das hat natürlich einen Preis, mit denen sollte er es sich also besser nicht verscherzen. Während in Italien also grün-weiß-rote Flaggen vor Fenstern und Balkonen flatterten, schwenken im Norden viele Freunde der Lega die grüne Flagge von Padania, einem zukünftigen Kleinstaat am Flußlauf des Po. Zwar wurde auch im Regionalparlament der Lombardei eine Feierstunde zu 150 Jahren italienischer Einheit abgehalten, aber müssen sich der Vizepräsident der Region und seine Parteifreunde von der Lega die Nationalhymne wirklich antun und im Parlament mitträllern?

„Es vereinige uns eine einzige Flagge, eine Hoffnung: Auf dass wir verschmelzen, wofür die Stunde hat schon geschlagen“. nach derlei Gesang war den Herren, die stets mit grünem Tüchlein im Anzug auftreten, am Dienstag morgen offensichtlich nicht. So ganz und gar nicht. Sie verließen demonstrativ entspannt den Plenarsaal und stärkten sich in der Bar bei Capuccino und Brioche. Dabei stammten die meisten Freiheitskämpfer, die sich damals Garibaldi und der Bewegung der Einigung anschlossen vor allem aus … ja, woher wohl? Aus Norditalien. Und die „Mameli“, die später Nationalhymne wurde, war seit 1847 ihr Kampflied.

Daran erinnerte kürzlich Roberto Benigni als er den Italienern auf dem Schlagerfestival in San Remo bei maximalen Einschaltquoten eine fulminante Geschichtsstunde verpasste. Benigni rezitierte die „Mameli“ und erzählte den Italienern von ihrer Revolution. „Vereinigen wir uns, lieben wir uns. Die Einheit und die Liebe offenbaren den Völkern die Wege des Herrn“, so singt das Volk. Mit der Liebe sei es wie mit dem Tod, meinte Benigni: Entweder man ist tot oder nicht. Ein bisschen Tod gibt es nicht. Entweder man liebt. Oder eben nicht.

So sang Benigni zum Abschluss die Mameli.

 

avanti popolo!

Was mag eigentlich die italienische Umweltministerin zu der atomaren Katastrophe in Japan sagen? Schließlich hat die italienische Regierung erst 2009 den Wiedereinstieg in die Kernenergie beschlossen. Vier Akw sollen bis 2020 gebaut werden, obwohl 1987 ein Volksentscheid den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie besiegelte. Damals wurden drei Akw endgültig abgeschaltet, vier Baustellen geschlossen. Seitdem gibt es Italien keine Akw mehr. Nun der geplante Wiedereinstieg, ausgerechnet in Italien. In einem Land, wo vor zwei Jahren in L’Aquila Neubauten wie Kartenhäuser einstürzten, weil die Erdbebengefahr unterschätzt worden war. Wo noch nicht einmal der normale Müll halbwegs sortiert entsorgt und Giftmüll kostengünstig von der Mafia im Mittelmeer versenkt wird, dieses Land will also sichere Akw bauen und kontrollieren und den Müll auch irgendwie entsorgen. Irgendwie, obwohl bis heute niemand weiß, wohin mit dem strahlenden Dreckszeug und von Sicherheit, redet im Ernst noch irgendjemand von Sicherheit?

Was also hat Umweltministerin Stefania Prestigiacomo angesichts der außer Kontrolle geratenen japanischen Atomkraftwerke zu sagen? Nichts. Italien macht weiter. Keine Kursänderung, sagt die Umweltministerin. Erschreckend schlicht, die Dame. Findet gut, dass es in Italien keine alten Akw gibt, so dass „wir wiedereinsteigen können, mit größter Umsicht und fortschrittlichster Technologie.“ Klingt das beruhigend?

Mitte Juni werden die Italiener in einem Referendum über die Atompläne der Regierung Berlusconi abstimmen.

Avanti popolo!